Osten

Mein Herz blutet. Das Leben ist nicht fair, und es ist auch nicht schwarz-weiß. Ich habe mein Land verlassen, damals, als die Mauer weg war. Und wusste nicht, dass ich niemals würde zurückkehren können.

Das Land gibt es nicht mehr, es wurde abgeschafft, auf den Schrotthaufen der Geschichte geworfen. Ein ausgedientes Modell, bankrott, umstellt, ausgelaugt, überaltert, verknöchert. Alternativlos entsorgt.

Die Menschen aber, die gibt es noch. Und sie tragen das Land in sich. Ich auch.

Weit bin ich gegangen in meiner NEUgierde, und habe dadurch so viel mehr über meine Herkunft erfahren.

Was, wenn ich geblieben wäre, so wie andere? Wer wäre ich heute? Was ich in den Medien lese, tut mir in der Seele weh. Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, die Menschen auch nicht. Ich würde gerne ein Buch schreiben, die Vielfalt meines Heimatlandes, meiner Mitmenschen und ihrer Schicksale festhalten und sichtbar, verstehbar machen.

Copyright 2019 Andrea Bernard

Traum

Ich steige in ein dunkles Kellerloch, getrieben von Angst und Neugier. Beim Umhertasten springt mich plötzlich eine Ratte an und lässt meinen Finger nicht mehr los. In Panik renne ich aus dem Keller, und als ich auf der Straße ankomme, habe ich an meiner Hand statt der Ratte einen Löwen. Er läuft langsam hinter mir her.

Ob der Löwe eine Bedrohung ist oder mich vor meiner Umgebung schützt, kann ich nicht sagen. Er gibt mir nicht zu verstehen, was er will oder denkt.

Ich fange an, wild durch die Gegend zu laufen und allen möglichen Leuten auf der Straße von meinem Problem zu erzählen. Aber sie hören mir entweder gar nicht zu oder verstehen mich nicht – jedenfalls scheint niemand den Löwen zu bemerken.

Immer ungläubiger laufe ich weiter und spreche wahllos Menschen an, um ihnen von dem Löwen zu erzählen, der offensichtlich gar nicht da ist. Aber wann immer ich mich umdrehe, sehe ich ihn deutlich, und er sieht mich an und scheint zu sagen, dass es ihn gibt und ich nichts dagegen tun kann …

Copyright 2019 Andrea Bernard

Why?

Translators.

We strive to understand the meaning behind the words. To dig deeper. To get it.

Why then can some of us not understand the meaning of:

Rest in Peace

When one of us has passed away?

Copyright 2019 Andrea Bernard

Words: 37 Stewing about it: for some hours Writing: 4 minutes Correcting: 4 minutes

Tunnelvision

Plötzlich schlittert der BMW, wir rutschen Richtung Straßenrand, dann über den Bordstein in eine Waldgebiet und kommen an einem Laternenmast zum Stehen. Aber all das wird erst im Nachhinein klar. Es geht unfassbar schnell. Eben noch auf dem Weg zum Flughafen und in der nächsten Sekunde komplette Stille. Wir steigen aus und ich sage: „Schnell, wir rufen ein Taxi, dann schaffe ich es noch zum Flughafen.“ Meine Mutter holt ihr Handy raus und telefoniert, wenige Minuten später sind wir auf dem Weg. „Ich muss meinen Flug kriegen“, ist alles, was ich denken kann. Am Flughafen, ich sitze in der Abflughalle Richtung Japan. Entspanne mich. Und dann beginnen die Kopfschmerzen. Ich steige ins Flugzeug ein, sie werden schlimmer. Die Flugvorbereitungen beginnen, ich bekomme Herzklopfen. Wenn ich nun doch verletzt bin? Ich beginne zu ventilieren, schließlich wird eine Stewardess auf mich aufmerksam. „Ich hatte einen Autounfall auf dem Weg zum Flughafen. Und jetzt tut mir der Kopf weh.“ Der Flug geht ohne mich und ich ins Krankenhaus. So fühlt es sich wohl an, wenn man nach einem Unfall einen Schock hat.

© Andrea Bernard

Die Mauer im Kopf

Dreißig Jahre ist das jetzt her. Die Mauer. Damals, in der DDR, durften wir den Namen nicht aussprechen, die Mauer nicht sehen. Reglementierter Sprachgebrauch: „Antifaschistischer Schutzwall“. 

Sprache beeinflusst das Denken. 

Noch heute sehe ich die Mauer zwiespältig. Sie war tatsächlich Schutz und Gefängnis zugleich. 

Heute ist das unsagbar, nein – undenkbar! Mit all den Mauertoten und den Grausamkeiten, die an dieser Mauer geschahen, eben: unsagbar und unsäglich. Und doch meine Wahrheit.

Die Mauer, sie hat mein Leben verändert und bestimmt. Als sie da war – und noch mehr, als sie fiel. 

©2019 Andrea Bernard
[91 words. Writing: 4 minutes; editing 5 minutes]